Lesung "Weibergeschichten"
witzig, schräg, berührend

Zwischenmusik: Ruth van Puijenbroek, Violine
Monika Schär, Querflöte

am Sonntag, 7. April 2019, um 11 Uhr
in der UnvermeidBar Baden
beim Stadtturm

Kolumne am 21. März 2019 im Brugger General-Anzeiger:


Das Tor

Wir gehen alle durch das Grosse Tor

heute
morgen
übermorgen.

Wer weiss das schon?

Und wer weiss, was hinter dem Tor auf uns wartet? Könnten wir das Tor selbst sehen, könnten wir vielleicht einen Blick dahinter tun. Aber so bleibt uns alles verborgen, bis die Zeit gekommen ist hindurchzugehen. Ist es überhaupt für alle Menschen das gleiche Tor, oder gibt es, wie viele Menschen glauben, eines für die „Guten“ und eines für die „Schlechten“?

Das Tor in eine „andere“ Welt, das kennen wir schon aus den Märchen. Auch dort bedeutet es eine wichtige Veränderung – meist zum besseren.

Können wir darauf hoffen, dass uns der Schritt durch das Grosse Tor auch zum Besseren führt?

Irdische Tore geben manchmal den Blick auf das Dahinterliegende, das Neue frei und laden deshalb ein hindurchzugehen.

Das Tor einer Stadt zu durchschreiten, war früher zwar mit einer vorherigen gründlichen Kontrolle verbunden. Nicht jeder oder jede durfte es durchschreiten. Es war ein Obulus zu entrichten. Und selbst dann wurde gewissen Menschen der Durchgang verwehrt. Sie mussten vor dem Tor bleiben. War man aber hinter dem Tor, so bot es Schutz und Sicherheit.

Die Stadttore haben ihre Bedeutung verloren. Heute leben viele Menschen vor den Toren. Aber sie haben ihre eigenen Tore gebaut: die Tore zu ihren Gärten, zu ihrem Haus. Und auch diese Tore darf nicht jedermann durchschreiten. Wer sie durchschreitet, bestimmt der „Torwärter“, der Besitzer.

Tore grenzen also aus – die Bösen, die Fremden, die Armen. Aber sie schützen auch, und – sie bergen manchmal ein Geheimnis.

Auch ich besitze ein Tor, ein Tor zu meinem Haus,

ein Tor zu meinem Herzen. Nicht jeden lasse ich eintreten. Aber ich will es mit Rosen schmücken!





K(l)eine Weihnachtsgeschichten

am 25. Dezember 2018 von 18.30 bis 19.00
in der Kapelle auf der Schlossruine Stein in Baden

Der Weg zur Schlossruine mit herrlichem Ausblick von der Terrasse unter der Ruine aus wird um 17.30 Uhr mit Kerzen beleuchtet. Es gibt ab 18 Uhr Suppe, Glühwein und Punsch, dazu Trompetenklänge von Steffen Röhrig-Friedli.


K(l)eine Happy-End-Geschichten

Zwischenmusik: Ruth van Puijenbroek, Violine
Monika Shär, Querflöte

am 14. Dezember 2018 von 18.00 bis 18.45
im Audienzraum des Historischen Museums Baden
direkt bei der Holzbrücke über die Limmat

Aus Anlass der Veranstaltung „Adventszauber“ in der romantischen Unteren Altstadt Baden, die nur von Kerzen beleuchtet wird und für die sich das Quartier auch sonst „herausputzt“ und einlädt, an verschiedenen kulinarischen und kulturellen Genüssen teilzuhaben. Dauer: 17 bis 21 Uhr

Kolumne am 8. November 2018 im Brugger General-Anzeiger:


  Zwischen Stühlen


Was sagst du zu diesem Wetter?“
Na ja, Herbst halt. Was kann man da anderes erwarten.“
Im Süden wäre es jetzt besser“, seufzt Stuhl Nummer 1.
Ja ja, ich weiss, das erzählst du mir jedesmal, wenn es regnet. Vergiss doch endlich mal deinen Süden. Jetzt bist du hier. Und da unten war sicher auch nicht alles so toll.“
Das Wetter aber schon“.
Das Wetter, das Wetter! Du solltest froh sein um den Regen. Da gibt es weniger Touristen, die sich dich streitig machen, dich lieblos hin und her ziehen, ihre wohlgenährten Hintern auf dich fallen lassen, so dass du Angst um deine zarten Beine haben musst.
Na ja! ... Es wird Zeit, dass der Winter kommt, dann kehrt hier wieder Ordnung ein“, resümiert Stuhl Nummer 1.
Und wir sind uns wieder näher“, ergänzt Stuhl Nummer 2. „Erinnerst du dich an letztesmal?“
Und ob! Zusammen auf einem Stapel. Und du direkt über mir. Den ganzen Winter lang. Da kam kein bisschen Einsamkeit auf.“ Stuhl Nummer 1 gibt sich ganz der Erinnerung hin.
Aber lass uns nicht melancholisch werden, geniessen wir doch einfach die Stille und die Aussicht.“
Sie schweigen eine Weile, betrachten den in der Pfütze auf dem Kopf stehenden Eiffelturm und hängen ihren Phantasien nach.
Dann entschlüpft Stuhl Nummer 2 ein leiser Seufzer.
Was ist?“
Mir ist schon ein wenig langweilig – so ohne Touristen“, gesteht er schliesslich.
Siehst du, wären wir jetzt im Süden, hätten wir dieses Problem nicht.“

Aber Paris ist halt Paris – auch bei Regen. Und so dauert es nicht lange, da erscheint eine japanische Schulklasse, rennt auf die beiden zu, dass ihnen angst und bange wird, und kämpft unter grossem Gelächter und Geschrei um die beiden einsamen Stühle. Sechzehn Schüler bilden schliesslich eine Menschenskulptur, spreizen die Finger zum Victory-Zeichen, und der Lehrer knipst ein Foto.



Kolumne am 2. August 2018 im Brugger General-Anzeiger:
 
Auf dem Sprung


Der Knabe sass am Beckenrand und liess die Beine ins Wasser baumeln. Seit zwei Stunden sass er so. Sein Rücken hatte sich rot verfärbt, aber er spürte es nicht – noch nicht.

Er beobachtete das Treiben im Wasser und blickte immer wieder zum Sprungturm hinauf. Dort oben tummelten sich die Königinnen und Könige des Wassers, um sich irgendwann aus fünf Metern Höhe ins Bassin zu stürzen.

Der Mann, der auf der Wiese in der Nähe des Beckens lag, richtete sich auf und tastete nach der Zigarettenschachtel. Er seufzte. Es nützte nichts: Er konnte sich nicht entspannen. Zu gross war die Angst vor dem, was ihm bevorstand. Er würde seine Arbeitsstelle verlieren und sah keine Möglichkeit, an einem neuen Ort Fuss zu fassen. Es sei denn, er würde sich selbstständig machen. Aber dazu fehlte ihm der Mut.

Er sog gierig an seiner Zigarette und liess den Blick schweifen. Dabei entdeckte er den halbwüchsigen Jungen am Beckenrand. Sofort tauchten Bilder aus seiner eigenen Jugendzeit auf. Auch er hatte seine Zeit im Schwimmbad mehr am Beckenrand zugebracht als im Wasser. Er war ängstlich gewesen – schon damals, und hatte die anderen um ihr fröhliches Treiben beneidet. Am meisten aber hatte er die „Stars“ beneidet, die sich getraut hatten, vom Sprungbrett zu springen.

Er erinnerte sich an seinen Vater, der ihn immer wieder in Situationen gedrängt hatte, die seinen Mut hätten fördern sollen. Stattdessen wurde er immer ängstlicher – und sein Vater immer enttäuschter. Irgendwann liess er ihn fallen und wandte sich seiner Tochter zu.

Auch dieser Knabe war zum Verlierer bestimmt. Andere würden sein Leben formen, nicht er selbst.

Da plötzlich erhob sich der Knabe und ging zögernd zur Treppe, die zum Sprungturm führte. Mit beiden Händen hielt er sich am Geländer fest. Oben angekommen, schloss er die Augen und sprang.

Der Mann stand abrupt auf und eilte zum Beckenrand. Er starrte auf den Punkt, wo der Knabe verschwunden war. Ein paar Sekunden verstrichen, da tauchte er auf, prustend und blinzelnd. Aber sein Gesicht war ein einziges Strahlen.






 
Kolumne am 22. März im Brugger General-Anzeiger:
 
Schleier-Haft


Sie sitzt mir vis-à-vis und hat die Augen gesenkt.

Die Fahrt nach Bern dauert eine Stunde ohne Zwischenhalt. Ich starre die Frau immer wieder heimlich an und mache mir meine Gedanken über sie.

Wohin sie wohl unterwegs ist ohne männliche Begleitung? Vielleicht zu Verwandten? Eine Touristin kann sie ja nicht sein. Alleine in einem – zumal westlichen – Land unterwegs zu sein, ist sicher ein Tabu, ebenso wie das Autofahren und das Entblössen nur schon der Haare.

Jetzt streicht sie sich mit einer Hand über das Gesicht, und dabei sehe ich, dass ihre Fingernägel rot lackiert sind. Also legt sie offenbar Wert auf ihr Aeusseres, obwohl sie sich der Oeffentlichkeit nur in diesem schwarzen Umhang zeigt. Ich sehe auch, dass sie die schönen dunklen Augen geschminkt hat. Vielleicht hat sich ihr Mann in diese Augen verliebt. Mehr konnte er vor der Hochzeit ja nicht sehen von ihr. Und dann war die Falle zugeschnappt.

Aber andererseits: Sie hatte ja wohl nicht einmal eine Wahl, musste den Mann nehmen, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Scheidung gibt es ja in diesen arabischen Ländern nicht – zumindest nicht vonseiten der Frau.


Ich würde mich nie in schwarze Tücher hüllen wollen, denke ich, wo doch die Welt so farbig ist!

... Oder? ...

Fast eine Stunde sitzt mir diese Fremde praktisch regungslos gegenüber. Sie wirkt dabei ganz ruhig und entspannt. Liegt das an ihrer Verschleierung? Bedeutet die Verhüllung vielleicht für sie nicht Einschränkung sondern Freiheit? Könnte eine Burka mich vielleicht auch irgendwie befreien? Von dem Zwang, gut aussehen zu müssen, eine bestimmte Position zu markieren, im Wettbewerb zu bestehen, mich anzupassen? Das macht zeitweise auch einsam, seufze ich innerlich.

Die Frau hebt den Blick und lächelt mich an. Der Zug hält. Gemessenen Schrittes geht sie vor mir her zum Ausgang. Dann höre ich sie lachen. Und als ich aussteige, erkenne ich den Grund: Eine Gruppe von 6, 7 Frauen, alle in Burka, wartet auf sie und nimmt sie mit lautem Stimmengewirr und unter viel Gelächter in Empfang.

Und ich? Ich betrachte die gutgelaunte Frauengruppe mit Wohlwollen und gehe dann lächelnd meines Weges.






2018 im Brugger General-Anzeiger: