K(l)eine Happy-End-Geschichten

Zwischenmusik: Ruth van Puijenbroek, Violine
Monika Shär, Querflöte

am 14. Dezember 2018 von 18.00 bis 18.45
im Audienzraum des Historischen Museums Baden
direkt bei der Holzbrücke über die Limmat

Aus Anlass der Veranstaltung „Adventszauber“ in der romantischen Unteren Altstadt Baden, die nur von Kerzen beleuchtet wird und für die sich das Quartier auch sonst „herausputzt“ und einlädt, an verschiedenen kulinarischen und kulturellen Genüssen teilzuhaben. Dauer: 17 bis 21 Uhr

Kolumne am 8. November 2018 im Brugger General-Anzeiger:


  Zwischen Stühlen


Was sagst du zu diesem Wetter?“
Na ja, Herbst halt. Was kann man da anderes erwarten.“
Im Süden wäre es jetzt besser“, seufzt Stuhl Nummer 1.
Ja ja, ich weiss, das erzählst du mir jedesmal, wenn es regnet. Vergiss doch endlich mal deinen Süden. Jetzt bist du hier. Und da unten war sicher auch nicht alles so toll.“
Das Wetter aber schon“.
Das Wetter, das Wetter! Du solltest froh sein um den Regen. Da gibt es weniger Touristen, die sich dich streitig machen, dich lieblos hin und her ziehen, ihre wohlgenährten Hintern auf dich fallen lassen, so dass du Angst um deine zarten Beine haben musst.
Na ja! ... Es wird Zeit, dass der Winter kommt, dann kehrt hier wieder Ordnung ein“, resümiert Stuhl Nummer 1.
Und wir sind uns wieder näher“, ergänzt Stuhl Nummer 2. „Erinnerst du dich an letztesmal?“
Und ob! Zusammen auf einem Stapel. Und du direkt über mir. Den ganzen Winter lang. Da kam kein bisschen Einsamkeit auf.“ Stuhl Nummer 1 gibt sich ganz der Erinnerung hin.
Aber lass uns nicht melancholisch werden, geniessen wir doch einfach die Stille und die Aussicht.“
Sie schweigen eine Weile, betrachten den in der Pfütze auf dem Kopf stehenden Eiffelturm und hängen ihren Phantasien nach.
Dann entschlüpft Stuhl Nummer 2 ein leiser Seufzer.
Was ist?“
Mir ist schon ein wenig langweilig – so ohne Touristen“, gesteht er schliesslich.
Siehst du, wären wir jetzt im Süden, hätten wir dieses Problem nicht.“

Aber Paris ist halt Paris – auch bei Regen. Und so dauert es nicht lange, da erscheint eine japanische Schulklasse, rennt auf die beiden zu, dass ihnen angst und bange wird, und kämpft unter grossem Gelächter und Geschrei um die beiden einsamen Stühle. Sechzehn Schüler bilden schliesslich eine Menschenskulptur, spreizen die Finger zum Victory-Zeichen, und der Lehrer knipst ein Foto.



Kolumne am 2. August 2018 im Brugger General-Anzeiger:
 
Auf dem Sprung


Der Knabe sass am Beckenrand und liess die Beine ins Wasser baumeln. Seit zwei Stunden sass er so. Sein Rücken hatte sich rot verfärbt, aber er spürte es nicht – noch nicht.

Er beobachtete das Treiben im Wasser und blickte immer wieder zum Sprungturm hinauf. Dort oben tummelten sich die Königinnen und Könige des Wassers, um sich irgendwann aus fünf Metern Höhe ins Bassin zu stürzen.

Der Mann, der auf der Wiese in der Nähe des Beckens lag, richtete sich auf und tastete nach der Zigarettenschachtel. Er seufzte. Es nützte nichts: Er konnte sich nicht entspannen. Zu gross war die Angst vor dem, was ihm bevorstand. Er würde seine Arbeitsstelle verlieren und sah keine Möglichkeit, an einem neuen Ort Fuss zu fassen. Es sei denn, er würde sich selbstständig machen. Aber dazu fehlte ihm der Mut.

Er sog gierig an seiner Zigarette und liess den Blick schweifen. Dabei entdeckte er den halbwüchsigen Jungen am Beckenrand. Sofort tauchten Bilder aus seiner eigenen Jugendzeit auf. Auch er hatte seine Zeit im Schwimmbad mehr am Beckenrand zugebracht als im Wasser. Er war ängstlich gewesen – schon damals, und hatte die anderen um ihr fröhliches Treiben beneidet. Am meisten aber hatte er die „Stars“ beneidet, die sich getraut hatten, vom Sprungbrett zu springen.

Er erinnerte sich an seinen Vater, der ihn immer wieder in Situationen gedrängt hatte, die seinen Mut hätten fördern sollen. Stattdessen wurde er immer ängstlicher – und sein Vater immer enttäuschter. Irgendwann liess er ihn fallen und wandte sich seiner Tochter zu.

Auch dieser Knabe war zum Verlierer bestimmt. Andere würden sein Leben formen, nicht er selbst.

Da plötzlich erhob sich der Knabe und ging zögernd zur Treppe, die zum Sprungturm führte. Mit beiden Händen hielt er sich am Geländer fest. Oben angekommen, schloss er die Augen und sprang.

Der Mann stand abrupt auf und eilte zum Beckenrand. Er starrte auf den Punkt, wo der Knabe verschwunden war. Ein paar Sekunden verstrichen, da tauchte er auf, prustend und blinzelnd. Aber sein Gesicht war ein einziges Strahlen.






 
Kolumne am 22. März im Brugger General-Anzeiger:
 
Schleier-Haft


Sie sitzt mir vis-à-vis und hat die Augen gesenkt.

Die Fahrt nach Bern dauert eine Stunde ohne Zwischenhalt. Ich starre die Frau immer wieder heimlich an und mache mir meine Gedanken über sie.

Wohin sie wohl unterwegs ist ohne männliche Begleitung? Vielleicht zu Verwandten? Eine Touristin kann sie ja nicht sein. Alleine in einem – zumal westlichen – Land unterwegs zu sein, ist sicher ein Tabu, ebenso wie das Autofahren und das Entblössen nur schon der Haare.

Jetzt streicht sie sich mit einer Hand über das Gesicht, und dabei sehe ich, dass ihre Fingernägel rot lackiert sind. Also legt sie offenbar Wert auf ihr Aeusseres, obwohl sie sich der Oeffentlichkeit nur in diesem schwarzen Umhang zeigt. Ich sehe auch, dass sie die schönen dunklen Augen geschminkt hat. Vielleicht hat sich ihr Mann in diese Augen verliebt. Mehr konnte er vor der Hochzeit ja nicht sehen von ihr. Und dann war die Falle zugeschnappt.

Aber andererseits: Sie hatte ja wohl nicht einmal eine Wahl, musste den Mann nehmen, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Scheidung gibt es ja in diesen arabischen Ländern nicht – zumindest nicht vonseiten der Frau.


Ich würde mich nie in schwarze Tücher hüllen wollen, denke ich, wo doch die Welt so farbig ist!

... Oder? ...

Fast eine Stunde sitzt mir diese Fremde praktisch regungslos gegenüber. Sie wirkt dabei ganz ruhig und entspannt. Liegt das an ihrer Verschleierung? Bedeutet die Verhüllung vielleicht für sie nicht Einschränkung sondern Freiheit? Könnte eine Burka mich vielleicht auch irgendwie befreien? Von dem Zwang, gut aussehen zu müssen, eine bestimmte Position zu markieren, im Wettbewerb zu bestehen, mich anzupassen? Das macht zeitweise auch einsam, seufze ich innerlich.

Die Frau hebt den Blick und lächelt mich an. Der Zug hält. Gemessenen Schrittes geht sie vor mir her zum Ausgang. Dann höre ich sie lachen. Und als ich aussteige, erkenne ich den Grund: Eine Gruppe von 6, 7 Frauen, alle in Burka, wartet auf sie und nimmt sie mit lautem Stimmengewirr und unter viel Gelächter in Empfang.

Und ich? Ich betrachte die gutgelaunte Frauengruppe mit Wohlwollen und gehe dann lächelnd meines Weges.






2018 im Brugger General-Anzeiger:

 
Am 16. November 2017 erscheint im Brugger General-Anzeiger meine Kolumne


Herbstgesänge


Herbst! Die mürben Blätter rascheln, wenn ich meine Füsse darauf setze. Ich setze sie nicht einfach auf und bewege mich fort wie normal, sondern ich schleife mit ihnen auf dem Boden dahin, wie wenn ich Schlittschuh laufen würde. Dann raschelt es um ein Vielfaches, und die Blätter stieben unter meinen Füssen auf die Seite. Wenn sie am Boden liegen, haben die Blätter schon ihre leuchtenden Farben eingebüsst; sie sind braun. Aber wenn ich mit den Füssen unter ihren Teppich greife und sie aufflattern, entströmt ihnen ein wunderbar modriger Duft, der Duft des Herbstes schlechthin.

Dabei hat der Herbst ja durchaus noch andere Gerüche – denjenigen der reifen Aepfel zum Beispiel oder der reifen Trauben. Beide verändern ihren Duft mit dem Fortschreiten der Reife und dem Beginn der Fäulnis. Wenn man kurz vor Beginn der Weinlese in die Nähe eines Weinberges kommt, erkennt die Nase dies, bevor das Auge es sieht: Es riecht nach saurem Wein – umso mehr, je feuchter die Luft ist.

Der Herbst tönt auch auf vielfältige Weise. Natürlich sind es wiederum die Blätter, die noch an den Bäumen hängen, die die lautesten Lieder singen: Wenn die Herbststürme über sie hinwegfegen, ist es ein orkanartiges Tosen, das noch die zähesten, letzten Blätter von den Bäumen holt. Regt sich nur ein leiser, sanfter Wind, dann säuseln sie, während sie sich anmutig an ihren Stängeln wiegen und sich in den letzten Sonnenstrahlen räkeln.

Die letzten Bienen summen, die um die Efeuhecken tanzen und sich an den herbstlichen Blüten gütlich tun.

Und die Luft selbst ist ein Gesang: die würzige Abendluft, die über den feuchten Wiesen liegt, atmet hörbar in langsamen, tiefen Atemzügen, bevor sich die Nacht darüber senkt.

Wenn am Morgen noch die grauen Nebel die ganze bunte Herbstpracht mit einem Schleier bedecken, so summen sie uns doch ein leises Herbstlied, wenn wir uns die Zeit nehmen, eine Weile innezuhalten und nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Poren zu lauschen: „Sei stille, sei stille ...“



Der "Lese-Herbst" hat begonnen:

- Am 6. Oktober habe ich an der Vernissage der Künstlerin Therese Guntern in Wetzikon gelesen,
- am 12. Oktober im Hertenstein am Vierwaldstättersee (geschlossene Gesellschaft),
- am 19. Oktober in Suhr (geschlossene Gesellschaft), und
- die Lesung am 23. November im Kulturcafé Baden (geschlossene Gesellschaft) steht noch bevor,

- ebenso die Veranstaltung am 4. Dezember um 14.30 Uhr im Restaurant "Roter Turm" in Baden, wo ich zusammen mit den beiden Flötistinnen Christine Neuhaus und Elsbeth Kern auftrete. Veranstalter ist der Seniorentreff Baden. Gäste sind willkommen.

- Ein besonders romantischer Anlass wird am 1. Weihnachtstag die traditionelle Kerzenbeleuchtung sein,  die den Weg zur Ruine Stein in Baden beleuchtet. Der Anlass beginnt mit Trompetenklängen auf der Terrasse unterhalb der Burgruine um 18 Uhr.  Ebenfalls um 18 Uhr und noch einmal um 19 Uhr lese ich ein paar meiner literarischen Miniaturen in der Kapelle. Rahel Eiermann begleitet mich auf der Querflöte. Dazwischen (ca. 18.40 Uhr) spielt Jürgen Nigg auf dem Akkordeon aus seiner keltischen Schatztruhe.

Die Kapelle ist klein. Es lohnt sich, rechtzeitig (und warm verpackt) einzutreffen.


Am 3. August 2017 im General-Anzeiger Brugg:

                                                     Koffertausch

Jetzt ist es mir schon wieder passiert: Ich bin mit einem vertauschten Koffer unterwegs!

Thomas hat mir schon beim letztenmal gesagt, ich solle mir doch endlich einen Koffer kaufen, der nicht 08/15-Ware ist. Ich denke mir, der- oder diejenige, die meinen Koffer verwechselt hat, müsste doch bemerkt haben, wie er ausgebaucht ist. Aber vielleicht war es ja auch eine Frau, die wie ich notorisch zu viel einpackt.

Aber wenn es nun doch ein Mann ist? Was fängt der mit Strumpfhosen, Jupes und Büstenhaltern an?

Dabei habe ich mir extra ein neues Bikini und ein tolles Strandkleid gekauft. Na ja, war ja nicht besonders teuer. Und man kann alles ersetzen.

Mein erster Gang also zum Service-Center der Fluggesellschaft.

Da stocke ich. Eigentlich könnte ich mir ruhig zuerst den Inhalt „meines“ Koffers anschauen. Ich habe ja schon eine tolle Entdeckung gemacht beim letztenmal!

Das war damals ein Männer-Koffer – aber ganz offensichtlich nicht der eines Geschäftsmannes. Es gab darin weder Krawatten noch Hemden. Aber: einen Umhang aus blauglänzendem Stoff mit Sternenmuster, einen Hut, den man auseinanderklappen konnte, ein riesiges Messer in einer mit bunten Steinen besetzten Scheide, ein paar Kartonrollen, aus denen, als ich den Deckel wegzog, ein künstlicher Blumenstrauss heraussprang, eine Kristallkugel und noch viel Geheimnisvolles mehr!

Thomas meinte natürlich, ich müsse den Koffer unbedingt zurückgeben. Schliesslich sei das das Handwerkszeug eines Künstlers, und er werde sicher seine Auftritte absagen müssen, wenn ihm das alles fehle. Aber ich konnte mich schliesslich doch nicht trennen von diesen magischen Dingen, und so halte ich sie eben vor Thomas versteckt.

So, jetzt werde ich mich mal nach meinem Hotel umschauen. Ich stehe auf, nehme den Koffer fest in die Hand und marschiere damit durch den Zoll. Niemand hält mich auf, und ich blinzle vergnügt in die südliche Sonne.